2013/02/15

Wer ist schon gut genug für dein Augenmerk?

"Anna, kommst du mal mit." Meine Lehrerin geht zur Tür.
Die Augen aller Mitschüler meines Leistungskurses sind auf mich gerichtet. Ich will sie ausblenden, aber ich sehe überall Fragezeichen.
Im Flur ist das Licht aus. Der Schlüsselbund klirrt in ihren Händen, aber sie sagt nichts und dafür bin ich ihr dankbar. Sie hat mich nicht mal am Anfang der Stunde - als ich sie abgefangen und gebeten habe, mich in ihren Unterrichtsstunden zum Jugendamt gehen zu lassen - fragend angeschaut. Hat bloß wissen wollen, ob ich einen Termin habe. Und als ich kleinlaut verneint habe, ist sie mit mir in den Unterricht gegangen, hat den anderen eine Aufgabe hingeklatscht und mich dann rausgeholt.
Sie schließt das Oberstufenbüro auf, fährt den Computer hoch und sucht im Internet nach der Telefonnummer. Notiert sie auf ein Stück vergilbtes Papier, gibt es mir und deutet auf das schnurlose Telefon in der Ecke.
Meine Angst wächst mit jeder Ziffer, die auf dem Display erscheint, als ich sie eingebe. Das Jugendamt wird es zu nichts bringen.
Das nervtötende Tuten hört auf. "Guten Tag."
Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, bis mir auffällt, dass die Stimme extrem unnatürlich intoniert. "... bei Sozialämtern wählen Sie bitte die Zwei. Bei Müllangelegenheiten drücken Sie die Drei. Möchten Sie persönlich weitergeleitet werden, drücken Sie die Neun."
Ich lasse das Telefon sinken und schaue meine Lehrerin hilfesuchend an. "Gehört das Jugendamt zu den Sozialämtern?"
"Nein, das Jugendamt ist das Jugendamt."
"Ja, aber da ist das Jugendamt nicht aufgeführt."
Sie schreibt irgendwas auf einen Fetzen Papier und legt mir es hin. "Ich habe noch eine andere Nummer gefunden, vielleicht -"
Irgendein helles Geräusch kommt aus dem Telefon. Erschrocken halte ich es mir wieder ans Ohr. "Hallo?"
"Guten Morgen", begrüßt mich eine freundliche Frauenstimme, "was kann ich für Sie tun?"
Dabei habe ich nicht mal die Neun gedrückt! "Guten Morgen. Ich würde gerne einen Termin beim Jugendamt vereinbaren, wäre das möglich?"
"Alles klar, ich leite sie weiter."
Es klickt. Beethovens Für Elise dudelt. Mein Blick schweift unruhig über den Raum. Meine Lehrerin scheint mit einigen Papieren beschäftigt zu sein, aber ich will sie nicht ansehen.
Die Weiterleitung spuckt mich zurück und ich bekomme eine neue Nummer diktiert. Hiebe die Zahlen in das Tastenfeld. Erneutes Klicken. Barscher, tiefer männlicher Tonfall. Komme kurz dazu, meine Sätze zu wiederholen. Werde erneut in die Weiterleitung geschickt.
"Hallo?" Diesmal leicht mädchenhaft. Jünger als alle bisherigen Stimmen. Trotzdem reif genug, um mir das Gefühl zu geben, ernstgenommen zu werden.
Begrüßung und Name verlassen meine Lippen, bevor ich es realisiert habe. "Ich habe zuhause gerade ein paar familiäre Probleme. Könnte ich einen Termin vereinbaren?"
"Ja, sagen Sie mir mal bitte einmal Ihre Straße?"
Wollen sie jemanden vorbeischicken? Das wäre genau das, was ich vermeiden will. Ich schlucke meinen Widerwillen herunter und nenne sie ihr.
"Ja, da sind Sie zum richtigen Team weitergeleitet worden, die werden nämlich nach Bezirken eingeteilt... Und wie alt sind Sie?"
"Sechzehn."
"Mhm. Und die Telefonnummer ist... neun, sechs, vier, vier-"
"Nein", falle ich ihr schnell ins Wort, "ich rufe von der Schule aus an."
"Soll ich dann zuhause anrufen oder wär das ungünstig?"
"Nee, das wäre nicht so gut."
"Könnten Sie mir dann Ihre Handynummer geben?"
Schön, wenn einige banalen Fragen schon darauf abzielen, wie es bei mir zuhause zugeht. "Ich habe mein Handy leider nur wochenends und bin unter der Nummer schlecht erreichbar..."
"Achso." Sie zögert leicht. "Na ja dann können wir von mir aus auch direkt einen Termin machen." Rascheln. "Bis wann haben Sie denn Schule?"
"Wäre es auch in der Schulzeit möglich? Ich habe mit der Schulleitung gesprochen" - ich blicke meine Lehrerin flüchtig an - "und das würde gehen."
"Ja klar. Also vormittags?"
"Ja."
"Nächste Woche Dienstag zwischen... zehn und elf Uhr?"
Matheunterricht beim stellvertretenden Schulleiter. Verlockende Aussicht, erlaubt blau zu machen. Ich kritzle Datum und Uhrzeit auf das Stück Papier. "Ja, das ist in Ordnung."

Am Ende wird es sowieso nichts bringen. Die Angst, mich von meiner gesamten Familie (meine Eltern ausgenommen) abzukapseln und von ihnen verstoßen zu werden übertont den Schrei nach Freiheit und Leben.


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