Naya, die sich gerade zu mir setzt, schaut mich ernsthaft an. "Wir müssen reden."
Im Nachhinein betrachtet, habe ich ziemlich direkt angebissen. Aber ich habe lange nicht mehr mit ihr geredet. Zumindest ein wirkliches Gespräch. "Was denn?" Ich nehme eine Zigarette aus der Packung, zünde sie an und fange an zu qualmen, um ihr nicht direkt ins Gesicht sehen zu müssen.
Sie sagt nichts. Ihr Blick ist direkt, und das verunsichert mich. Ich schnippe die Asche in den Aschenbecher, als sie meinen Arm festhält und das Pflaster über dem Handgelenk anstarrt. Erschreckt fahre ich hoch. Sie hebt fragend eine Augenbraue.
Ich erlaube mir ein dünnes Lächeln. "Kein Schnitt." Zum Beweis hebe ich die Wundauflage an und zeige es ihr. "Das ist doch viel zu auffällig." Ich merke, wie einige Gespräche an unserem Tisch verstummen und spreche gerade noch so laut, dass die Musik mich nicht übertönt. "Die neueren Schnitte sind an Beinen und Füßen. Aber auch eine Weile her."
Sie lässt mich immer noch nicht aus den Augen, zieht die Hand zurück. Hebt eine Augenbraue. "Wir müssen ernsthaft reden."
Diese Tortur kenne ich schon. Geduldig nehme ich einen Zug. "Ich wurde schon bei einem Vertrauenslehrer verpetzt deswegen." Nützt bloß nichts.
Sie verdreht die Augen. "Kenne ich. Musste ich auch."
Das wirft mich völlig aus der Bahn. "Wie? Warum?"
"Selbstmordgefahr." Sie speit das Wort nahezu aus.
Ich deute auf mich, erinnere mich an die Kippe in meiner Hand und inhaliere. Öffne die Schachtel und halte sie ihr hin. Sie nimmt eine heraus und zündet sie sich an. "Wann musst du denn weg?", fragt sie beiläufig.
"Um zehn."
Sie zieht die Kippe ruckartig von ihrem Mund weg, fängt an wild zu husten und schaut mich ungläubig an. "Um ZEHN?!"
Ah, immer wieder. Anscheinend werde ich nie einen Abend weg von zuhause verbringen können, ohne dieses Thema anschneiden zu müssen. Ich amüsiere mich angesichts der Heftigkeit ihrer Reaktion. Asche rieselt in den Becher. "Eltern."
"Was machen deine Eltern?", fragt sie völlig verständnislos.
"Mich überwachen." Seltsam, wie einfach es mir fällt, darüber zu reden. Inmitten von Leuten, die mich kaum kennen. Aber nicht hören können, weil ich immer noch leise genug rede. "Mindestens ein Elternteil ist zuhause, damit sie mich überwachen können. Ich habe nie sturmfrei. Nie."
Sie zückt ihr Handy. "Gib mir mal deine Handynummer, wir werden ausführlich darüber reden."
Nächste Falle. "Ich habe es nur am Wochenende."
Während sie mich ungläubig anstarrt, rutscht das Handy in ihrer Hand bedrohlich tiefer. Sie zieht an der Kippe. "Demnächst sagst du mir, dass sie eine Kamera in deinem Zimmer installiert haben."
Ich lache hart auf. "Gut möglich."
Zum ersten Mal seit dem Gespräch verliert sie ihre Souveränität. "Kann ich dir irgendwie helfen? Kannst du nichts machen?"
Ich drücke den Stummel etwas zu fest in den Aschenbecher. "Ich habe meinen Eltern mal meine Schnitte gezeigt. Sie haben mich abartig genannt."
"Geh doch zum Jugendamt."
"Ändert nichts daran, dass sie meine Eltern sind."
"Das kann dir doch egal sein, wenn du ausgezogen bist und nichts mehr mit ihnen zu tun hast. Sie schränken deine Menschenrechte ein."
Ich denke an das komplizierte Familiengefüge von Vietnamesen und schweige. Es ist schlichtweg nicht möglich, Eltern zu vergessen. Verdammte asiatische Werte.
Sie interpretiert mein Zögern falsch. "Weißt du eigentlich, dass ich als Mensch dazu verpflichtet bin, dir Hilfe zu leisten?"
Meine Mundwinkel zucken schmerzlich hoch. Ich weiß.
Ich habe innerhalb einer Dreiviertelstunde die halbe Kippenschachtel aufgefressen, bevor ich abgeholt wurde, ein Kaugummi zwischen die Zähne geschoben und die Hände eingecremt, um den Tabakgeruch zu verstecken, mein Vater hat mich abgeholt, nicht gemerkt, dass ich ziemlich viel geraucht hatte, bin Zuhause in der Toilette zusammengebrochen und wollte kotzen, mich mühevoll ins Bett geschleppt, ohne dass der Boden mir nochmal entgegenkam oder ich meinen Mageninhalt geleert habe, hab mir so lange ins Handgelenk gebissen, bis die Welt aufgehört hatte sich zu drehen ich schlafen konnte, ein Uhr morgens wieder aufgewacht, hab mich in die linke Hand geschnitten, bis acht Uhr gepennt, aufgestanden. Mein rechtes Handgelenk besteht nur noch aus zwei einzigen Blutergüssen und roten Striemen, die nicht verschwinden.
Ich klemme die Zigarette ungeschickt in die Lücke des Aschenbechers. Sie fällt nach vorne, das Ende landet auf den Aschenbecherboden. "Was kannst du eigentlich?" Mein Freund fixiert mich mit seinen geröteten Augen.
Ich weiß, dass er mich aufziehen will, wie so üblich. Aber in meiner Situation hätte sie ebenso gut ernst gemeint sein können. "Nichts." Die Farbe um seine Iris ist eine einzige Verstimmung.
Eilig nehme ich die Vorlage meiner Freundin an, sie auf Toilette zu begleiten, stütze mich am Waschbeckenrand ab und stiere in den Spiegel. Zwei schwarze Abgründe voller Abscheu starren zurück, und irgendwie fühle ich mich bestätigt, den Selbsthass zu sehen.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Auch Nichtangemeldete können kommentieren.)