2013/02/19

Probleme für's Leben zu groß, für's Sterben zu klein.

Josh kommt auf mich zu. Um mich zum Jugendamt zu begleiten. Zwischen zehn und elf Uhr.
Er hält mir seine Zigarettenschachtel hin. "Du siehst so aus, als könntest du eine gebrauchen."
Ich bin versucht, mir eine herauszunehmen, aber ich kralle meine Hände in der Jackeninnentasche fest. "Hm ja. Danke, aber ich hab selber welche."
Er zuckt mit den Schultern, holt sich selber eine raus und zündet sie an. Ich warte, bis wir vom Schulgelände sind und durchwühl meine Tasche nach meinen Zigaretten. Will die Gedanken loslassen, wie der Rauch, der in die Luft greift und stetig verblasst, sich verliert.
Er redet mir gut zu, versucht mir meine Angst zu nehmen. Vollkommen irrational. Ich sträube mich innerlich dagegen, zum Jugendamt zu gehen, weil mir meine Probleme als nicht wichtig genug erscheinen, um da irgendeine Behörde einzuschalten.
"Ich finde es gut, dass du das machst." Seine Stimme beruhigt mich. Was mir durch den Strich geht. Alles in mir will sich am Boden festkrallen. Stehen bleiben. Ich will nicht dieses Problemkind aus dem RTL-Nachmittagsprogramm sein, was bei jeder Mickrigkeit zu einer staatlichen Instanz rennt und glaubt, sich damit geltend machen zu können. "Es ist völlig normal, dass du aufgedreht bist. Sieh es so, als würdest du es einem Freund erzählen. Jetzt allerdings jemanden, der mehr Ahnung davon hat als ich." Er zieht. "Du brauchst jetzt nicht ein schlechtes Gewissen gegenüber deinen Eltern zu haben."
Falsche Interpretation. Oder versuche ich es mir nur selbst weiszumachen, dass ich an allem Schuld bin? Konfuse Gedanken. Ich schweige und schnippe Asche weg.
Er mustert mich. "Wenn du nicht willst, zwing dich nicht dazu."
"Ich habe schon einen Termin gemacht." 
"Du musst da nicht hin, du kannst auch wieder absagen."
Ich überlege ernsthaft, ob ich seine Vorlage annehmen und wieder zurück soll. Was will ich eigentlich?
Fernbleiben. Josh und Naya und Nina den Gefallen tun und dort Hilfe suchen. Wissen, dass Hilfe da ist, ich aber zu schwach bin, sie anzunehmen.
Die Sache über mich ergehen lassen und hoffen, dass sich alles von selbst klärt. Ja, es ist naiv.

Das Gespräch lief ziemlich nüchtern ab.
Die Beraterin ließ mich weitgehend erzählen, warf ab und zu was ein. Fragte mich, was ich vom Jugendamt erwarte. Was ich ändern will. Und sobald diese Fragen auftauchten,  wusste ich, dass ich gar nichts wollte. Veränderungen nicht haben will, aus Angst, sie könnten noch schlechter sein als meine jetzige Situation. Öl ins Feuer gießen. Hinterher meinte Josh, ich wäre ziemlich zurückhaltend im Erzählen gewesen. Und da kennt er mich gut. Ich habe eine Menge zurückgehalten. Hätte ich noch SVV erwähnt, wäre die Sache längst nicht ausgesessen.
Vorschlag: Ich sollte mich mit meinen Eltern auf neutralem Boden, das heißt Jugendamt oder Beratungsstelle zusammensetzen und die Sache aussitzen.
Das können alle schön knicken. Das werde ich mit Ihnen bestimmt nicht machen. Meinen Eltern ist es völlig egal. Punktum.

"Wollen Sie unbedingt raus, also würden Sie sagen Sie können es zuhause nicht mehr aushalten und möchten, dass wir Sie aus Ihrer Familie holen?"
"Nein", höre ich mich selber sagen. Die Lüge rollt über meine Zunge, tränkt den Raum. Ertränkt mich. "Ich will eigentlich nur diese Phasen voller Streit vermeiden. Aber wirklich weg will ich nicht, nein."
Von Behörde zur nächsten Institution weitergeschickt. Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern. Mir fällt es verdammt schwer, Interesse zu heucheln. Sie erklärt mir das Prinzip und schlägt mir vor, was ich als nächstes tun soll. Ich bringe nicht mehr die Aufmerksamkeit auf, ihr zuzuhören. Sie redet weiter, aber die Bedeutung der Wörter flirren in der Luft, ohne dass sie bei mir im Hirn ankommen. Leere Worte, die vertuschen sollen, dass es nicht in ihrer Macht steht, irgendwas zu verändern, aber das habe ich ja von vornherein nicht erwartet.
Wo ich hin will, da will kein normaler Mensch hin.





Ich hab bis jetzt jeden, 
der mich liebte, 
in die Knie gezwungen, 
niemand wusste mit mir umzugehen, 
nicht mal meine Familie.

Maeckes


Soviel zu "Ich rauche nur gelegentlich".  Bisherige Packungen seit diesem Jahr. Fuck.

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