2013/02/28

Die Kurve beginnt eher als man lenkt.

Schön blöd, wenn man die Chance der Distanz nicht nutzt. Sich blindlings an Erinnerungen klammert, ohne die man ertrinken würde. Anstatt sich eine Weile treiben zu lassen und den Nebel im Kopf loszuwerden, aber ist man während der Liebe jemals bei klarem Verstand? Jeder Pfennig Hoffnung ausgezahlt, mein Inneres ein einziger Bankrott.

Sechsundzwanzig Sekunden Sprachnachricht.
Aufgenommen, als du dicht warst.
Gesendet, während du dich betrunken hast.
Vielleicht ein wenig krank, dass ich ausgerechnet die Worte, die du im Rauschzustand losgeworden bist, auf die Goldwaage lege.
Ich will sie hören.
Ich brauche diese Bestätigung, dass du für mich fühlst.
Vielleicht ein wenig masochistisch, dass ich sie mir beinah jede Nacht anhöre.
Ich will sie nicht hören.
Denn das Wissen, dass du die wichtigsten drei Worte seit über einen Monat nicht mehr zu mir gesagt hast...
... tötet quälend langsam.


2013/02/26

Drinnen saßen stehend Leute schweigend in ein Gespräch vertieft.

Seit Stunden meldet sich mein Magen. Ich habe die Phase mit Unmengen Wasser und Kaugummi rauszögern können, aber vor Hunger kann ich mich kaum konzentrieren. Letzte Schulstunde fällt aus und in diesem Zustand werde ich zuhause kaum einer Fressattacke entgehen können. Schlimm genug, dass selbst meine Mutter mich zum Essen zwingt, selbst wenn es nur Obst ist.
Mein Freund, mein bester Freund und A. laufen denselben Weg mit mir. Ersterer braucht noch Kippen vom Kiosk neben meinem Haus, weil sie an Minderjährige verkaufen. Und A. ist zufälligerweise der Bruder des Kioskbesitzers.
Die Gespräche lenken mich ab. Bis die Themen ausschweifen. Ich nicht mehr folgen kann. mein kopf dröhnt mit jedem Schritt. In meinem Bauch rollt sich der Magen zu einer Kugel zusammen.
Verdammt. Ich durchwühle meine vordere Tasche, bekomme die Schachtel zu greifen, ziehe eine Kippe heraus und zünde sie an. Anders kann ich es nicht mehr bewältigen.
"Muss das jetzt sein?", murrt mein bester Freund.
"Ja", antworte ich gelassen und füge ohne jede Spur des Bedauerns hinzu: "Sorry."
Meine Kehle trocknet aus, und mit dem Speichel verschwindet auch der Essensdrang.
"Was würdest du jetzt tun, wenn deine Eltern dir entgegenfahren würden?"
"Die Kippe fallen lassen?", erwidere ich leicht bissig, obwohl er für meine Stimmung nichts kann.
"Und was ist, wenn du sie nicht siehst, aber die dich?"
Ich nehme demonstrativ einen Zug und zucke mit den Schultern.
"Dann wärst du tot", schlussfolgert er und wirft mir einen Seitenblick zu. "Wäre das nicht bisschen viel Stress für eine Zigarette?"
Heroisch, wie er mich vom Rauchen abbringen will. Ihm zuliebe habe ich mir vorgenommen, nicht so viel zu rauchen, dass ich abhängig werde. Ich kämpfe gegen einen leichten Anflug von Reue, aber ein Knurren im Inneren macht alles zunichte.
A. huscht vor uns in den Kiosk, stellt sich hinter den Tresen und schaut uns auffordernd an.
Ich nicke meinem Freund zu. "Mach."
"Nee nee", wehrt er ab. "Mach du zuerst."
Verdrehe die Augen. Fixiere die Schachteln hinter A. Krame mein Kleingeld hervor. "Einmal Papers."
A. zeigt zögernd nach links auf die Long Papers. "Die etwa?", fragt er überrascht.
"Ja."
"Für wen? Für ihn?" Er deutet auf meinen Freund, tippt den Preis ein.
Seine Konfusion lässt mich lächeln. "Für mich."
Er hebt eine Augenbraue und kassiert. "Seit wann paffst du?"
Ich schiebe die Unterlippe vor und sage nichts.
"Das sag ich deiner Mutter", droht er grinsend und entringt mir ein Lachen damit. Ich gehe zur Seite und lasse meinen Freund dran.
A. scheint immer noch nicht ganz überzeugt zu sein. Während er die Sachen auf den Tresen legt, fragt er nochmal: "Für wen?"
"Für mich, wirklich!" Seine Hartnäckigkeit ist bewundernswert.
"Ich dachte du bist voll schlau und artig und so."
Meine Mundwinkel zucken nach oben.
Er scheint das Gespräch unbedingt weiterführen zu wollen. "Und woher bekommst du das?"
"Was?"
"Das Grüne."
"Hab so meine Quellen", antworte ich lakonisch.
Er hält uns die Tür auf. "Warum? Warum machst du sowas?"
Damit ich nicht alternativ scharfe Gegenstände in die Haut ramme und damit ich nicht esse.
Ich zucke mit den Schultern, setze ein dümmliches Lächeln auf und lasse ihn und meinen besten Freund im Glauben, ich tue das nur, um cool zu sein.




2013/02/22

Und ich spür täglich Erwartungsdruck, brauch Atemluft, alles bewegt sich, dreht sich, ergreife grad die Flucht.


Schön, wie ich es selber nicht bemerke.
Problem ist einfach, ich hab nicht mal Zugang zu mir selbst.
Ich fühle mich, als hätte man mir einen Grund zur Existenz geraubt. Nicht, dass ich je einen gehabt hätte. Aber jetzt ist einfach nur Leere. Unentschlossenheit. Mein Leben wird anders aufgefüllt. Bin auf die Figur fixiert, mache oft Sport, aber noch öfter esse ich viel und lasse den Sport komplett weg. Kaum Anlässe zum Schneiden und Beißen. Nirgendwo grad Stress in Relationen und das ist so verdammt ungewohnt. Nur Kippen runterwürgen, um den Hunger wegzurauchen.
Außerdem eine ungewohnte Angst... Angst vor zwischenmenschlichen Beziehungen. Teilweise gebe ich einige von ihnen nach und nach auf. Ich bemühe mich nicht mehr, sie zu halten. Geleitet von der Furcht, dass sie mich irgendwann mal komplett kennen. Vollkommen irrational. Aber ich kämpfe verbissen dagegen, ein offenes Buch zu sein. Je offener ich bin, desto mehr Angriffsfläche gebe ich her. Ob man mich bewusst oder unbewusst verletzt... Ob da ein Vorsatz ist oder keiner ändert nichts daran, dass es am Ende dasselbe Loch bleibt. Verdreckt, kalt, leer. Und bei einer, die lächerliche Kleinigkeiten schon belastet, ist das nicht zu gebrauchen.
Schiebe Leute von mir weg. Außer die wenigsten, weil sie mein Halt im Leben sind. Mehr mein Fundament als ich selbst. Aber abgesehen davon - Alleinsein bekommt mir. Solange es nicht Einsamkeit wird. Mein ganzes Leben besteht aus Isolation, also werde ich es jetzt auch noch aushalten.



2013/02/19

"Ich hab gestern die halbe Nacht geweint, als ich deinen Blog gelesen habe."

Egoistisches, fettes Miststück. Schaffe es, meiner besten Freundin durchgehend Sorgen zu bereiten. So auf meine eigenen Kleinigkeiten konzentriert, dass ich sie vernachlässige, obwohl sie mich wohl dringend braucht. Ich sie links liegen lasse. Ich hasse mich hasse mich hasse mich dafür.
Bisschen Blut sehen wär doch ganz nett.

- Was kannst du eigentlich?
- Nichts. Das ist es ja gerade.

Probleme für's Leben zu groß, für's Sterben zu klein.

Josh kommt auf mich zu. Um mich zum Jugendamt zu begleiten. Zwischen zehn und elf Uhr.
Er hält mir seine Zigarettenschachtel hin. "Du siehst so aus, als könntest du eine gebrauchen."
Ich bin versucht, mir eine herauszunehmen, aber ich kralle meine Hände in der Jackeninnentasche fest. "Hm ja. Danke, aber ich hab selber welche."
Er zuckt mit den Schultern, holt sich selber eine raus und zündet sie an. Ich warte, bis wir vom Schulgelände sind und durchwühl meine Tasche nach meinen Zigaretten. Will die Gedanken loslassen, wie der Rauch, der in die Luft greift und stetig verblasst, sich verliert.
Er redet mir gut zu, versucht mir meine Angst zu nehmen. Vollkommen irrational. Ich sträube mich innerlich dagegen, zum Jugendamt zu gehen, weil mir meine Probleme als nicht wichtig genug erscheinen, um da irgendeine Behörde einzuschalten.
"Ich finde es gut, dass du das machst." Seine Stimme beruhigt mich. Was mir durch den Strich geht. Alles in mir will sich am Boden festkrallen. Stehen bleiben. Ich will nicht dieses Problemkind aus dem RTL-Nachmittagsprogramm sein, was bei jeder Mickrigkeit zu einer staatlichen Instanz rennt und glaubt, sich damit geltend machen zu können. "Es ist völlig normal, dass du aufgedreht bist. Sieh es so, als würdest du es einem Freund erzählen. Jetzt allerdings jemanden, der mehr Ahnung davon hat als ich." Er zieht. "Du brauchst jetzt nicht ein schlechtes Gewissen gegenüber deinen Eltern zu haben."
Falsche Interpretation. Oder versuche ich es mir nur selbst weiszumachen, dass ich an allem Schuld bin? Konfuse Gedanken. Ich schweige und schnippe Asche weg.
Er mustert mich. "Wenn du nicht willst, zwing dich nicht dazu."
"Ich habe schon einen Termin gemacht." 
"Du musst da nicht hin, du kannst auch wieder absagen."
Ich überlege ernsthaft, ob ich seine Vorlage annehmen und wieder zurück soll. Was will ich eigentlich?
Fernbleiben. Josh und Naya und Nina den Gefallen tun und dort Hilfe suchen. Wissen, dass Hilfe da ist, ich aber zu schwach bin, sie anzunehmen.
Die Sache über mich ergehen lassen und hoffen, dass sich alles von selbst klärt. Ja, es ist naiv.

Das Gespräch lief ziemlich nüchtern ab.
Die Beraterin ließ mich weitgehend erzählen, warf ab und zu was ein. Fragte mich, was ich vom Jugendamt erwarte. Was ich ändern will. Und sobald diese Fragen auftauchten,  wusste ich, dass ich gar nichts wollte. Veränderungen nicht haben will, aus Angst, sie könnten noch schlechter sein als meine jetzige Situation. Öl ins Feuer gießen. Hinterher meinte Josh, ich wäre ziemlich zurückhaltend im Erzählen gewesen. Und da kennt er mich gut. Ich habe eine Menge zurückgehalten. Hätte ich noch SVV erwähnt, wäre die Sache längst nicht ausgesessen.
Vorschlag: Ich sollte mich mit meinen Eltern auf neutralem Boden, das heißt Jugendamt oder Beratungsstelle zusammensetzen und die Sache aussitzen.
Das können alle schön knicken. Das werde ich mit Ihnen bestimmt nicht machen. Meinen Eltern ist es völlig egal. Punktum.

"Wollen Sie unbedingt raus, also würden Sie sagen Sie können es zuhause nicht mehr aushalten und möchten, dass wir Sie aus Ihrer Familie holen?"
"Nein", höre ich mich selber sagen. Die Lüge rollt über meine Zunge, tränkt den Raum. Ertränkt mich. "Ich will eigentlich nur diese Phasen voller Streit vermeiden. Aber wirklich weg will ich nicht, nein."
Von Behörde zur nächsten Institution weitergeschickt. Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern. Mir fällt es verdammt schwer, Interesse zu heucheln. Sie erklärt mir das Prinzip und schlägt mir vor, was ich als nächstes tun soll. Ich bringe nicht mehr die Aufmerksamkeit auf, ihr zuzuhören. Sie redet weiter, aber die Bedeutung der Wörter flirren in der Luft, ohne dass sie bei mir im Hirn ankommen. Leere Worte, die vertuschen sollen, dass es nicht in ihrer Macht steht, irgendwas zu verändern, aber das habe ich ja von vornherein nicht erwartet.
Wo ich hin will, da will kein normaler Mensch hin.





Ich hab bis jetzt jeden, 
der mich liebte, 
in die Knie gezwungen, 
niemand wusste mit mir umzugehen, 
nicht mal meine Familie.

Maeckes


Soviel zu "Ich rauche nur gelegentlich".  Bisherige Packungen seit diesem Jahr. Fuck.

2013/02/18

Es wird Zeit alle Menschen umzubringen - am besten fang ich gleich mal mit mir an.

Es ist kackenschwierig. Nichts zu essen, während alle um dich herum Essen rausholen. Direkt neben dir warmer Essensgeruch aufsteigt. Mein Magen sagt Keinen Hunger, mein Verstand Das schmeckt bestimmt gut. Ich schiebe unerlässlich Kaugummis zwischen meine Zähne, um Fressanfälle zu unterbinden. Mein Schlafmangel tut mir da auch einen Gefallen. Bin so erschöpft, ich bekomm kaum was runter. 

Mein Freund hält mir Essen vor den Mund. Käse-Schinken-Croissant. Ich halte die Luft an und schüttel den Kopf. "Ich hab Kaugummi im Mund", stoße ich mühsam hervor.
Er bleibt eisern. "Dann spuck aus."
Noch während das Kaugummi dem Asphalt entgegensegelt, weiß ich, dass es ein ziemlich großer Fehler ist, nachzugeben.
Ich versuche das kleinstmögliche Stück abzubeißen, doch als das Stück Blätterteig zwischen meinen Kiefern klemmt, lässt er los. Er zwingt dich zu essen verdammt! Meine Hand fährt automatisch an den Mund, damit das Croissant nicht herunterfällt. Er grinst mich verschlagen an.
Demnächst tappe ich nicht mehr in die Falle.

Morgen Jugendamt. Ich weiß ehrlich gesagt immer noch nicht, was ich da zu suchen habe...

2013/02/15

Wer ist schon gut genug für dein Augenmerk?

"Anna, kommst du mal mit." Meine Lehrerin geht zur Tür.
Die Augen aller Mitschüler meines Leistungskurses sind auf mich gerichtet. Ich will sie ausblenden, aber ich sehe überall Fragezeichen.
Im Flur ist das Licht aus. Der Schlüsselbund klirrt in ihren Händen, aber sie sagt nichts und dafür bin ich ihr dankbar. Sie hat mich nicht mal am Anfang der Stunde - als ich sie abgefangen und gebeten habe, mich in ihren Unterrichtsstunden zum Jugendamt gehen zu lassen - fragend angeschaut. Hat bloß wissen wollen, ob ich einen Termin habe. Und als ich kleinlaut verneint habe, ist sie mit mir in den Unterricht gegangen, hat den anderen eine Aufgabe hingeklatscht und mich dann rausgeholt.
Sie schließt das Oberstufenbüro auf, fährt den Computer hoch und sucht im Internet nach der Telefonnummer. Notiert sie auf ein Stück vergilbtes Papier, gibt es mir und deutet auf das schnurlose Telefon in der Ecke.
Meine Angst wächst mit jeder Ziffer, die auf dem Display erscheint, als ich sie eingebe. Das Jugendamt wird es zu nichts bringen.
Das nervtötende Tuten hört auf. "Guten Tag."
Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, bis mir auffällt, dass die Stimme extrem unnatürlich intoniert. "... bei Sozialämtern wählen Sie bitte die Zwei. Bei Müllangelegenheiten drücken Sie die Drei. Möchten Sie persönlich weitergeleitet werden, drücken Sie die Neun."
Ich lasse das Telefon sinken und schaue meine Lehrerin hilfesuchend an. "Gehört das Jugendamt zu den Sozialämtern?"
"Nein, das Jugendamt ist das Jugendamt."
"Ja, aber da ist das Jugendamt nicht aufgeführt."
Sie schreibt irgendwas auf einen Fetzen Papier und legt mir es hin. "Ich habe noch eine andere Nummer gefunden, vielleicht -"
Irgendein helles Geräusch kommt aus dem Telefon. Erschrocken halte ich es mir wieder ans Ohr. "Hallo?"
"Guten Morgen", begrüßt mich eine freundliche Frauenstimme, "was kann ich für Sie tun?"
Dabei habe ich nicht mal die Neun gedrückt! "Guten Morgen. Ich würde gerne einen Termin beim Jugendamt vereinbaren, wäre das möglich?"
"Alles klar, ich leite sie weiter."
Es klickt. Beethovens Für Elise dudelt. Mein Blick schweift unruhig über den Raum. Meine Lehrerin scheint mit einigen Papieren beschäftigt zu sein, aber ich will sie nicht ansehen.
Die Weiterleitung spuckt mich zurück und ich bekomme eine neue Nummer diktiert. Hiebe die Zahlen in das Tastenfeld. Erneutes Klicken. Barscher, tiefer männlicher Tonfall. Komme kurz dazu, meine Sätze zu wiederholen. Werde erneut in die Weiterleitung geschickt.
"Hallo?" Diesmal leicht mädchenhaft. Jünger als alle bisherigen Stimmen. Trotzdem reif genug, um mir das Gefühl zu geben, ernstgenommen zu werden.
Begrüßung und Name verlassen meine Lippen, bevor ich es realisiert habe. "Ich habe zuhause gerade ein paar familiäre Probleme. Könnte ich einen Termin vereinbaren?"
"Ja, sagen Sie mir mal bitte einmal Ihre Straße?"
Wollen sie jemanden vorbeischicken? Das wäre genau das, was ich vermeiden will. Ich schlucke meinen Widerwillen herunter und nenne sie ihr.
"Ja, da sind Sie zum richtigen Team weitergeleitet worden, die werden nämlich nach Bezirken eingeteilt... Und wie alt sind Sie?"
"Sechzehn."
"Mhm. Und die Telefonnummer ist... neun, sechs, vier, vier-"
"Nein", falle ich ihr schnell ins Wort, "ich rufe von der Schule aus an."
"Soll ich dann zuhause anrufen oder wär das ungünstig?"
"Nee, das wäre nicht so gut."
"Könnten Sie mir dann Ihre Handynummer geben?"
Schön, wenn einige banalen Fragen schon darauf abzielen, wie es bei mir zuhause zugeht. "Ich habe mein Handy leider nur wochenends und bin unter der Nummer schlecht erreichbar..."
"Achso." Sie zögert leicht. "Na ja dann können wir von mir aus auch direkt einen Termin machen." Rascheln. "Bis wann haben Sie denn Schule?"
"Wäre es auch in der Schulzeit möglich? Ich habe mit der Schulleitung gesprochen" - ich blicke meine Lehrerin flüchtig an - "und das würde gehen."
"Ja klar. Also vormittags?"
"Ja."
"Nächste Woche Dienstag zwischen... zehn und elf Uhr?"
Matheunterricht beim stellvertretenden Schulleiter. Verlockende Aussicht, erlaubt blau zu machen. Ich kritzle Datum und Uhrzeit auf das Stück Papier. "Ja, das ist in Ordnung."

Am Ende wird es sowieso nichts bringen. Die Angst, mich von meiner gesamten Familie (meine Eltern ausgenommen) abzukapseln und von ihnen verstoßen zu werden übertont den Schrei nach Freiheit und Leben.


2013/02/09

Bald ist Valentinstag und ich habe immer noch nicht das passende Gewehr gefunden.

Und jedes Mal, wenn du sie erwähnst, erstickst du einen Teil von mir. Aber keine Sorge, sind nicht mehr viele Teile zu töten, bevor ich vollends aufgebe.

Ich hasse sie nicht. Wirklich nicht. Nach außen hin wirkt es wie krankhafte Eifersucht. Ich zweifle nicht an ihm oder an seiner Treue. Der Hass und der Zweifel richten sich gegen mich. Verlustängste, die nach mir greifen. Und da gehe ich schon bei den Kleinigkeiten durch, wirklich bei Kleinigkeiten, die man kaum verstehen kann. Dadurch, dass ich jemanden gefunden habe, der mich liebt und den ich liebe, überkommen mich oft irrationale Gefühle, die mich zur Selbstverletzung treiben. Weil meine Gedanken noch weiter ausufern in Bereiche, die mich meine gesamte Existenz hassen lassen, obwohl ich das sowieso schon ununterbrochen tue, und ich sie nur über Schmerz kontrollieren kann. 
Weil ich weiß, nicht gut genug zu sein. 


When home is where the heart is, why do I feel so fucking heartless?

Nacht. Ich atme krampfhaft, kann erstickte Schmerzenslaute nicht zurückhalten. Versuche wenigstens mein Zittern zu kontrollieren, aber es entzieht sich meiner Gewalt. Wie diese verdammten Gefühle. Will so kalt sein, dass auch ich endlich an meinen inneren Norden erfriere, aber bis jetzt spüre ich wie so üblich nur meinen Körper nicht. Kralle meine Hände in das Bettlaken, damit meine Nägel nicht meine wertlose Haut aufschlitzen. Beiße in die Decke, damit mein Handgelenk nicht zwischen dem Kiefer landet. Unterdrücke den sich keimenden, windenden Willen, doch er kennt meine Kriegsstrategien. Ist zäh genug, um meine Entschlossenheit zu würgen.
Ich wünschte, du wärst nie geboren worden, flüstert die Erinnerung. Die Stimme meiner Mutter hallt im Kopf.
So eine wie dich brauchen wir nicht, spuckt das Bild mit meinem Vater verächtlich aus.
Ich reiße die Decke weg, ziehe zischend Luft durch die Zähne, Tränen brennen sich durch meine Lider. Verbissen kämpfe ich darum, gegen die erdrückende Last stehen zu bleiben.
Warum hast du dich geschnitten?, frage ich sie. Sage ich dir nicht, wiegelt sie mich ab und lässt mich mit meinen Sorgen zurück.
Meine Fingerspitzen wandern über meinen Brustkorb. Verletzungen auf dünner Haut schmerzen viel mehr...
Ich umarme ihn, doch er reagiert nicht. Will ihn küssen, doch er beugt sich nicht runter. Manchmal dreht er sich weg. Stelle mich auf die Zehenspitzen, doch er drückt mich mit sanfter Bestimmtheit auf den Boden zurück und wendet sich ab.
Es reicht.
Ich falle in mich zusammen.
Der Gedanke bricht über mich herein, und ich ergebe mich beinah dankbar. Es pulsiert durch meine Adern, leckt sich durch meine Venen, verlangt sofortige Wiedergutmachung für meinen Widerstand.





2013/02/06

Don't worry about hurting my feelings. I have no feelings to hurt.

Wieder zusammengebrochen. Zum zweiten Mal in meinem Leben, zum zweiten Mal binnen weniger Wochen. Wahre Gedanken unterdrücken. Ich kann nicht mehr.
Vielleicht sollte ich aufhören, solange ich noch kann. Essen, Kippen, Gras, Schneiden, Beißen, Leben...



2013/02/05

I can’t sleep and food has lost its taste. God, I’m so sick of this place.

Wie es mir geht? Schau in mein Gesicht und sag du es mir.

Fuck. Es geht mir viel zu langsam voran. Seit Tagen bleibt die Anzeige der Waage auf derselben Zahl stehen. Und es macht mich wahnsinnig. Eigentlich esse ich nur morgens - und in der Schule was kleines, wenn der Magen Überhand nimmt.Überbrücke das Hungergefühl mit Wasser und Kaugummi. Wenigstens nehme ich nicht zu.
Eigentlich hätte ich genug Selbsthass als Motivation, um komplett zu hungern. Was mich davon abhält, ist, dass Hungern sich ganz schnell wieder rächt... Essen wir morgens halt ein bisschen weniger.

2013/02/04

Betäuben uns mit Drogen um den Schmerz erträglich zu machen.

Ich ziehe. Der Schwindel wiegt mich hin und her, doch der Waldboden unter meinen Füßen bleibt eben. Süßer Nebel legt sich auf meine Zunge. Meine Kehle brennt wie Napalm. Hin und wieder spucke ich Pflanzenteile aus, die sich durch den Tip geschlichen haben. Der Wind beißt sich in meine Hände fest.
Sie nimmt mich an die Hand. Ich spüre kaum ihren Händedruck, meine Finger sind eiskalt, kann nichtmals meine um ihre klammern. Ein gelber Schleier legt sich um die Umgebung. Die Blätter sind einen Tick gelbstichiger, die Bäume sehen so aus, als hätte man einen Instagram-Filter verwendet.
Ich drücke den Joint auf den kalten Boden aus und werfe den Rest ins Gebüsch.
Wir kommen ohne Probleme zu mir nach Hause, hängen unsere Jacken auf. Haare, Kleidung, Finger. Alles riecht nach Gras. Ich reiße das Fenster auf, werfe mich aufs Bett. Stechende Kopfschmerzen. Sie tumblrt an ihrem Mac. Ich versuche, die sich anhäufenden SMS zu beantworten, aber meine Finger sind einzige Eiszapfen. Irgendetwas Grelles explodiert vor meinem Sichtfeld. Ich setze mich wieder auf, hocke mich auf den Boden.
"Weißt du, was ich schon immer mal machen wollte?" Sie macht das Licht aus, dreht an ihrem Mac Casper auf und legt sich zu mir auf den Boden.
Wir philosophieren in völliger Dunkelheit über das Universum, über die Menschen. Die Worte in meinem Mund sind wie zähes Lava, meine Stimme klingt schwerfällig. Vergesse bereits beim Beginn eines neuen Themas, was wir davor diskutiert haben. Auf und Davon spielt im Hintergrund, so unglaublich viel langsamer als normalerweise. Ich lege meine Hände auf die brütend warme Heizung, doch eine halbe Stunde später spüre ich sie immer noch nicht.
Irgendwann machen wir das Licht an, gucken ein Dutzend Kraftklub Interviews und bauen bei Sims 3 existierende, charakterlich hässliche Menschen nach.

Ich liebe sie. 
Als sie zuhause sitzt, schreibt sie mir, dass sie unwissentlich das ganze Gras, was sie für den Zehner bekommen hat, in unsere zwei Joints getan hat, die wir geraucht haben.
Nullkommafünf Gramm. Olé.


Blogaward #1 und Sieben Dinge über mich

Magdalena hat mir einen Blogaward verliehen, vielen lieben Dank!

Regeln:
1. Danke dem Blogger, der dich nominiert hat und verlinke ihn auf deinem Blog.
2. Stelle das Award-Logo auf deinen Blog.
3. Schreibe 7 Dinge über dich.
4. Nominiere weitere 15 Blogs und setzte sie darüber in Kenntnis.

Dinge über mich:
1. Ich trinke nicht, rauche aber. Was viele nicht verstehen können. Egal.
2. Ich habe meine beste Freundin, früher in der Parallelklasse, durch Svv und Suizidgedanken kennengelernt.
3. Ich habe 14 Abfuhren von Jungs -die meisten meine ehemaligen besten Freunde gewesen- einstecken müssen.
4. Meinen ersten Kuss und meinen ersten Freund hatte ich mit fast 16.
5. Ich bin mit 1,66m größer als meine Eltern und wiege weniger als sie.
6. Ich will nie 27 werden.
7. Ich verschweige oft Dinge, die mich stören.

Nominierung von 15 Blogs (keine bestimmte Reihenfolge!):
1. Melody
2. Nana
3. Jem
4. Schy
5. Abigail
6. Katy
7. Phil
8. Traumtänzerin
9. Fee
10. Disasterclown
11. Fragile Stranger
12. Feli
13. Milia
14. ArlenBennington
15. Die Kleine

Oke das hat alles irgendwie etwas sehr lange gedauert.

2013/02/02

Wenn man nicht aufpasst, bringt einen heutzutage alles um.

Mein Vater gibt mir sein iPhone, damit ich einiges für ihn einstelle. Er bekommt es immer noch nicht hin. Wozu hat er bloß ein Smartphone?
"Was hast du da an deiner Hand?", fragt er plötzlich drohend.
Obwohl ich genau weiß, was er meint, schnellt mein Blick nach links zur roten Linie, dann zuckt mein Blick zurück. Ich unterdrücke den Impuls, meine Hand zu ballen und den Schnitt zu verstecken. Ringe mit der aufkeimenden Panik, entdeckt zu werden. Krame die Ausrede hervor, die ich mir vorsorglich zurechtgelegt habe. "Achso, das." Sprich ruhiger, beschissene Kuh. Ich strecke meine Handfläche und tue so, als würden mir die zwei Schnitte erst jetzt auffallen. Tue so, als wäre ich nicht diejenige, die von einem Anfall Schlaflosigkeit und Wahnsinn um 2:19 morgens sich die Hand absichtlich aufgeschlitzt hat. Leider nicht sonderlich tief, verdammt. "Einige Idioten haben gestern Flaschen runtergeworfen. Ich hab in die Scherben gepackt. Und mich dabei geschnitten." Das ist nicht mal gelogen. Ich habe bloß zwei verschiedene Geschichten zusammengefügt, die mich gar nicht betrafen. K. hat die leere Flasche umgestoßen, die aber am Stück überlebte. A. hat sich an irgendeiner Scherbe am Büffet in den Finger geschnitten und die Wunde mit Wodka desinfiziert.
Er schaut mich argwöhnisch an. Sein Tonfall ist scharf. "Warst du betrunken?"
Verblüfft, dass er tatsächlich zu einem falschen Schluss gekommen ist, entringt mir ein Lächeln. Ich bin nicht mal beleidigt darüber, dass er mir unterstellt, Alk angerührt zu haben, obwohl ich das Zeug nicht mal gegen elterliche Liebe anfassen würde.


Vielleicht wurden wir nie geliebt, zumindest nicht genug.

Freitagabend bei J. Gemieteter Restaurantkeller. Er feiert seinen achtzehnten nach. Ich setze mich mit der Freundin, mit der ich gekommen bin, und meinem Freund an einen leeren Tisch. Keine drei Minuten später wird es bei uns brechend voll.

Naya, die sich gerade zu mir setzt, schaut mich ernsthaft an. "Wir müssen reden."
Im Nachhinein betrachtet, habe ich ziemlich direkt angebissen. Aber ich habe lange nicht mehr mit ihr geredet. Zumindest ein wirkliches Gespräch. "Was denn?" Ich nehme eine Zigarette aus der Packung, zünde sie an und fange an zu qualmen, um ihr nicht direkt ins Gesicht sehen zu müssen.
Sie sagt nichts. Ihr Blick ist direkt, und das verunsichert mich. Ich schnippe die Asche in den Aschenbecher, als sie meinen Arm festhält und das Pflaster über dem Handgelenk anstarrt. Erschreckt fahre ich hoch. Sie hebt fragend eine Augenbraue.
Ich erlaube mir ein dünnes Lächeln. "Kein Schnitt." Zum Beweis hebe ich die Wundauflage an und zeige es ihr. "Das ist doch viel zu auffällig." Ich merke, wie einige Gespräche an unserem Tisch verstummen und spreche gerade noch so laut, dass die Musik mich nicht übertönt. "Die neueren Schnitte sind an Beinen und Füßen. Aber auch eine Weile her."
Sie lässt mich immer noch nicht aus den Augen, zieht die Hand zurück. Hebt eine Augenbraue. "Wir müssen ernsthaft reden."
Diese Tortur kenne ich schon. Geduldig nehme ich einen Zug. "Ich wurde schon bei einem Vertrauenslehrer verpetzt deswegen." Nützt bloß nichts.
Sie verdreht die Augen. "Kenne ich. Musste ich auch."
Das wirft mich völlig aus der Bahn. "Wie? Warum?"
"Selbstmordgefahr." Sie speit das Wort nahezu aus.
Ich deute auf mich, erinnere mich an die Kippe in meiner Hand und inhaliere. Öffne die Schachtel und halte sie ihr hin. Sie nimmt eine heraus und zündet sie sich an. "Wann musst du denn weg?", fragt sie beiläufig.
"Um zehn."
Sie zieht die Kippe ruckartig von ihrem Mund weg, fängt an wild zu husten und schaut mich ungläubig an. "Um ZEHN?!"
Ah, immer wieder. Anscheinend werde ich nie einen Abend weg von zuhause verbringen können, ohne dieses Thema anschneiden zu müssen. Ich amüsiere mich angesichts der Heftigkeit ihrer Reaktion. Asche rieselt in den Becher. "Eltern."
"Was machen deine Eltern?", fragt sie völlig verständnislos.
"Mich überwachen." Seltsam, wie einfach es mir fällt, darüber zu reden. Inmitten von Leuten, die mich kaum kennen. Aber nicht hören können, weil ich immer noch leise genug rede. "Mindestens ein Elternteil ist zuhause, damit sie mich überwachen können. Ich habe nie sturmfrei. Nie."
Sie zückt ihr Handy. "Gib mir mal deine Handynummer, wir werden ausführlich darüber reden."
Nächste Falle. "Ich habe es nur am Wochenende."
Während sie mich ungläubig anstarrt, rutscht das Handy in ihrer Hand bedrohlich tiefer. Sie zieht an der Kippe. "Demnächst sagst du mir, dass sie eine Kamera in deinem Zimmer installiert haben."
Ich lache hart auf. "Gut möglich."
Zum ersten Mal seit dem Gespräch verliert sie ihre Souveränität. "Kann ich dir irgendwie helfen? Kannst du nichts machen?"
Ich drücke den Stummel etwas zu fest in den Aschenbecher. "Ich habe meinen Eltern mal meine Schnitte gezeigt. Sie haben mich abartig genannt."
"Geh doch zum Jugendamt."
"Ändert nichts daran, dass sie meine Eltern sind."
"Das kann dir doch egal sein, wenn du ausgezogen bist und nichts mehr mit ihnen zu tun hast. Sie schränken deine Menschenrechte ein."
Ich denke an das komplizierte Familiengefüge von Vietnamesen und schweige. Es ist schlichtweg nicht möglich, Eltern zu vergessen. Verdammte asiatische Werte.
Sie interpretiert mein Zögern falsch. "Weißt du eigentlich, dass ich als Mensch dazu verpflichtet bin, dir Hilfe zu leisten?"
Meine Mundwinkel zucken schmerzlich hoch. Ich weiß.

Ich habe innerhalb einer Dreiviertelstunde die halbe Kippenschachtel aufgefressen, bevor ich abgeholt wurde, ein Kaugummi zwischen die Zähne geschoben und die Hände eingecremt, um den Tabakgeruch zu verstecken, mein Vater hat mich abgeholt, nicht gemerkt, dass ich ziemlich viel geraucht hatte, bin Zuhause in der Toilette zusammengebrochen und wollte kotzen, mich mühevoll ins Bett geschleppt, ohne dass der Boden mir nochmal entgegenkam oder ich meinen Mageninhalt geleert habe, hab mir so lange ins Handgelenk gebissen, bis die Welt aufgehört hatte sich zu drehen ich schlafen konnte, ein Uhr morgens wieder aufgewacht, hab mich in die linke Hand geschnitten, bis acht Uhr gepennt, aufgestanden. Mein rechtes Handgelenk besteht nur noch aus zwei einzigen Blutergüssen und roten Striemen, die nicht verschwinden. 

Ich klemme die Zigarette ungeschickt in die Lücke des Aschenbechers. Sie fällt nach vorne, das Ende landet auf den Aschenbecherboden. "Was kannst du eigentlich?" Mein Freund fixiert mich mit seinen geröteten Augen.
Ich weiß, dass er mich aufziehen will, wie so üblich. Aber in meiner Situation hätte sie ebenso gut ernst gemeint sein können. "Nichts." Die Farbe um seine Iris ist eine einzige Verstimmung.
Eilig nehme ich die Vorlage meiner Freundin an, sie auf Toilette zu begleiten, stütze mich am Waschbeckenrand ab und stiere in den Spiegel. Zwei schwarze Abgründe voller Abscheu starren zurück, und irgendwie fühle ich mich bestätigt, den Selbsthass zu sehen.