2012/06/27

"Der Junge macht all diese furchtbaren Sachen, weil er sich in dich verknallt hat, Schatz!" - Wisst ihr was das heißt? Wir werden dazu ermutigt - nein, darauf programmiert - zu glauben, wenn ein Typ sich wie ein Vollidiot aufführt, heißt das, dass er einen gern hat.

Ich treffe nach einiger Zeit wieder meinen Cousin. Genau genommen Stiefcousin. Wirtschaftswissenschaftenstudent in Jena, 20 Jahre alt.
Als ich in die Wohnung meines Onkels komme, sehe ich ihn am Wohnzimmertisch sitzen, seinen iPad an der einsteckbaren Tastatur sitzen und tippen.
„Hey“, begrüße ich ihn und platze auch gleich heraus: „Schreibst du an deinen neuem Blogtext?“
Ja, sein Blog. Ich habe ihn vor paar Tagen entdeckt und mein Gehirn saugt seine Texte wie ein trockener Schwamm auf.
Themen: Liebe, Beziehung, Sex… Flirten, gescheiterte Lieben, Schlussmachen, blahblah – das volle Spektrum.
Wir reden sogleich auch darüber. Nur das Geplänkel der Erwachsenen über Fußball stört uns.
„Warte.“ Er schnappt sich einen Eiskaffee und seine Zigarettenschachtel. „Lass uns zum Reden auf den Balkon gehen.“
Ich schaue auf die Uhr. So ziemlich genau neun Uhr abends. Der Himmel färbt sich golden, die Sonne geht unter.


Er zündet sich eine Zigarette an und fängt an zu rauchen.
„Die wichtigsten Fragen, die du dir stellen musst, bevor du losgehst: Wer bist du? Und was willst du? Was möchtest du erreichen?“
Auf die Frage bin ich nicht gefasst. Ich will zunächst alles wissen. Dann sehe ich weiter mit den konkreten Zielen.
Er bringt mir zunächst die grundlegendsten Sachen bei. Nach dem Prinzip: Mach was aus dir. Er schnippt den Zigarettenstummel weg.

Erste Lektion: Männer sind Jäger. Frauen müssen ihnen das Gefühl geben, dass sie selbst die Beute erledigen, ansonsten werden wir uninteressant.
„Alle Männer wollen mit einer 10 ins Bett. Und genau das sind Männer, die nie eine abkriegen werden! Denn du kannst dein ganzes Leben lang auf eine 10 warten. Anstatt zu sagen: Ich gehe lieber mit einer 7 oder 8 ins Bett. Diese Männer wollen nur irgendeine. Und weißt du wie sie das machen? Sie gehen raus und auf die Suche – ohne Erwartungen.“
Zugegeben, das klang einleuchtend – und erklärte auch das Klischee, warum Männer alles aufreißen, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist. Wenigstens erfahre ich jetzt den Grund, warum.

„Geh nie mit Selbstzweifeln in die Sache. Wenn du schon denkst, es wird schlecht, dann wird es auch schlecht! Mit so einer Einstellung ist Erfolg unmöglich!“
Das Prinzip der Entschlossenheit. Aber es gibt unendlich viele Sachen, die schieflaufen könnten. Zum Beispiel…
Als ob er es von meinem Gesicht abgelesen hat, fährt er fort: „Aha, man hat also Angst. Davor, dass man abgelehnt wird. Richtig?“
Ich nicke. Er zündet sich seine zweite Zigarette an, inhaliert tief und atmet aus. Der Wind weht den Rauch in meine Richtung. Irgendwie riecht das im Moment angenehm.
„Gut. Dann verrate mir mal – was passiert mit dir, wenn du abgelehnt wirst?“
Was ist das denn bitte für eine Frage? „Man ist traurig.“ Wobei das ja noch etwas untertrieben ist.
„Wird dir die Hand abgehackt?“
Abstruse Frage. „Nein.“
„Werden deine Freunde umgebracht?“
„Nein.“
„Wirst du eingesperrt?“
„Nein!“
„Siehst du? Was hast du zu verlieren?“
Bevor ich im Gedanken die richtigen Wörter zusammenkratzen kann – Verlust des Selbstwertgefühls, was teilweise echt gravierend sein kann – schießt er bereits die nächste rhetorische Frage auf mich ab. „Und weißt du, was schlimmer ist, als traurig zu sein?“
Ich bin es leid, ständig Nein antworten zu müssen, was mich wie eine komplette Idiotin aussehen lässt, und warte seine Antwort ab.
„Bereuen.
Ich war nicht traurig darüber, als ich meine Exfreundin verlassen habe. Kein bisschen. Bis heute nicht.
Was ich aber bis heute bereue, ist, dass ich sie als dumm beschimpft habe. Obwohl sie es nicht war, im Gegenteil. Ich habe sie wegen einer Kleinigkeit als dumm bezeichnet, und sie hat geschrien: ‚Ich bin nicht dumm!‘ Ich habe mich deswegen nie entschuldigt. Und das bereue ich bis heute.“
Er zieht noch an seiner halb aufgerauchten Zigarette, dann lässt er sie achtlos fallen. Sie rutscht die roten Dachziegel runter und verschwindet dann in der Dachrinne.

„Zweifle nie an dir selbst und lass nie zu, dass andere dich fertig machen! Nenn mir irgendwas, wofür dich die anderen ständig aufziehen.“ Ohne mich aus den Augen zu lassen, trinkt er an seinem Kaffee.
Da muss ich nicht lange überlegen. „Ich bin zu klein.“ Mit 1,66 m in meinem Alter bin ich keinesfalls zu klein. Aber zwischen meinen Freunden sehe ich, bis auf einigen Ausnahmen, wie eine Liliputanerin aus.
Er steckt sich bereits eine neue Zigarette an. „Du bist zu klein? Okay. Zu klein für was?“
Die einfache Gegenfrage verblüfft mich. Noch mehr verblüfft mich, dass ich keine vernünftige Antwort darauf finde.
„Siehst du? Wozu bist du zu klein? Mal abgesehen davon, dass du im Supermarkt vielleicht nicht ans oberste Regal herankommst.“
Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört: Lass dich nie von anderen fertig machen. Das ist das erste Mal, dass ich den Sinn des Satzes richtig begreife.
Er fährt fort: „Ein Typ hatte mich mal blöd angemacht. Ohne darauf einzugehen, habe ich geantwortet: ‚Warum musst du dein Ego aus Minderwertigkeitskomplexen bei anderen aufbauen, indem du sie fertig machst?‘ Er meinte, ich sollte mit dem ‚Psychogelaber‘ aufhören, und ist dann abgehauen.“
Dass meine Bewunderung minütlich steigt, ist wohl noch untertrieben. Was für ein Glück ich habe, dass ausgerechnet dieser Mann mein Stiefcousin ist.

Plötzlich kommt der Bruch. Während er seine dritte Zigarette innerhalb des dreistündigen Gesprächs raucht –mittlerweile ist es über Mitternacht und stockduster –,  erklärt mir, wie genau beziehungsweise nach welchem Prinzip man Typen aufreißt. Erklärt mir alles dreifach, bis ich es im Kopf habe. Gibt dazu Beispiele, die er erlebt hatte. Kein Problem. Es ist relativ einfach.


"Okay, dann proben wir das mal."
"Wir proben das?" Ich reiße entgeistert die Augen auf. Er trifft mich absolut unvorbereitet.
"Klar, warum nicht? Ich habe es dir doch gerade beigebracht. Ich hoffe, du erinnerst dich dann noch an alles.“ Er wendet sich mir zu, mit einem sympathischen Lächeln auf den Lippen und hält mir die Hand hin. "Hi, ich bin Bach, und wer bist du?"
Ich versuche mich in die Situation hineinzuversetzen (ich hoffe, dass ich irgendwie die Sache möglichst schlagfertig reißen kann), nehme seine Hand und setze ein Lächeln auf. "Hey, ich heiße Anna."
"Anna. Und, was machst du hier so?", fragte er locker.
Ich starre ihn an und breche mit meiner Hilflosigkeit aus dem Rollenspiel aus. Ich meine, wir stehen auf einem 3 m²-Balkon und unterhalten uns über Psychotricks, wie man das andere Geschlecht rumkriegt. "Wo sind wir denn?"
"Wir sind auf einer Party."
"Achso, okay. - Ich feier mit ein paar Freunden." Nicht gerade die brillanteste Antwort, aber wenigstens habe ich vernünftig fünf Wörter aneinandergereiht. Ein Fortschritt in Sachen Souveränität. (und Mathebehinderung.)
"Wo sind denn deine Freunde?"
„Nicht hier.“ Eine schlechte Antwort, aber immerhin schlagfertig.
Er lässt allerdings nicht locker. „Wo denn?“
Nach fünf Sekunden Überlegen: "Okay, und was soll ich jetzt darauf antworten?"
Ich kann förmlich sehen, wie er mir den Stempel Blöde Frage an die Stirn klatscht. "Was trinken holen? Auf dem Klo?", schlägt er vor.
"Was trinken holen dann. – Moment mal, es sind doch nicht alle auf dem Klo“, kommentiere ich argwöhnisch.
„Die wenigsten werden das hinterfragen, die meisten werden das einfach so hinnehmen“, beruhigt er mich. Er grinst. „Ich hätte dann gesagt: Alle?“ Er verschränkt die Arme. „Warum gehen Frauen immer zusammen aufs Klo?“
Überraschung. Ich hatte keine Antwort auf seine (mehr rhetorische) Frage.
Scheint er auch langsam zu merken. „Du könntest sagen: Frauengeheimnis.“
„Okay. Frauengeheimnis.“ I’m feeling absolutly retarded.
Ein süffisantes Lächeln. „Und warum bist du dann hier?“
„Ich bin –nein.“ Ich verziehe den Mund. Ich bin nicht so wie die anderen Frauen, wollte ich sagen, aber ich komme mir albern vor. Ich überlege mir fieberhaft was Neues.
„Was wolltest du denn sagen?“
Ich wiederhole meinen Satz.
„Der wäre gut gewesen.“
Scheiße. Ich bin zu ehrlich in solchen Sachen. Bisschen Selbstwerbung.
„Und wie alt bist du?“, fährt er fort.
„Fünfzehn.“
„Was ist das denn für eine langweilige Antwort?“, schimpft er lachend.
„Langweilig?“, wiederhole ich irritierend. Sollte ich etwa antworten: Ich bin die Quadratwurzel aus 225 alt. (Hey, meine Mathebehinderung nimmt ab. Danke an den Taschenrechner.)
„Du hättest sagen können: Ein Gentleman fragt nicht nach dem Alter. – Gut, wobei ich dann gesagt hätte: Wo sind denn hier die Ladies?“ Bei diesen Worten breitet er die Arme aus und schaut sich suchend um, und ich lache; es sieht urkomisch aus.
Er schaut mich streng an. „Und was hättest du jetzt machen müssen?“
Verdutzt schaue ich ihn an. Dann fällt der Groschen. „Achja. Punkt Zwei, richtig?“
Er stimmt mir zu. „Richtig.“


Genug Einsicht. Den Teil hier lasse ich raus. Hallo? Ich will mir meine neu erlernte Technik nicht verderben, indem ich sie hier verrate.
Aber er hat sie auf seinem eigenen Blog veröffentlich. 11.132 Wörter könnt ihr durchkauen, viel Spaß. Aber scrollt euch durch, lest es und findet die Erleuchtung – sein Blog ist es wirklich wert, dass ihr mal paar Stunden eures Lebens dafür sausen lässt. Zumal ich in nächster Zeit Bilder und Zeichnungen dazusteuern werde :)

1 Kommentar:

  1. sehr schöner text :))
    ich gucke mir seinen blog gerne an.
    lieebe grüsse
    http://noooemi.blogspot.de/

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