Als ich in die Wohnung meines Onkels komme, sehe ich ihn am
Wohnzimmertisch sitzen, seinen iPad an der einsteckbaren Tastatur sitzen und
tippen.
„Hey“, begrüße ich ihn und platze auch gleich heraus: „Schreibst
du an deinen neuem Blogtext?“
Ja, sein Blog. Ich habe ihn vor paar Tagen entdeckt und mein
Gehirn saugt seine Texte wie ein trockener Schwamm auf.
Themen: Liebe, Beziehung, Sex… Flirten, gescheiterte Lieben, Schlussmachen,
blahblah – das volle Spektrum.
Wir reden sogleich auch darüber. Nur das Geplänkel der Erwachsenen
über Fußball stört uns.
„Warte.“ Er schnappt sich einen Eiskaffee und seine
Zigarettenschachtel. „Lass uns zum Reden auf den Balkon gehen.“
Ich schaue auf die Uhr. So ziemlich genau neun Uhr abends. Der
Himmel färbt sich golden, die Sonne geht unter.
Er zündet sich eine Zigarette an und fängt an zu rauchen.
„Die wichtigsten Fragen, die du dir stellen musst, bevor du
losgehst: Wer bist du? Und was willst du? Was möchtest du erreichen?“
Auf die Frage bin ich nicht gefasst. Ich will zunächst alles wissen. Dann sehe ich weiter mit
den konkreten Zielen.
Er
bringt mir zunächst die grundlegendsten Sachen bei. Nach dem Prinzip: Mach was aus dir. Er schnippt den
Zigarettenstummel weg.
Erste
Lektion: Männer sind Jäger. Frauen müssen ihnen das Gefühl geben, dass sie
selbst die Beute erledigen, ansonsten werden wir uninteressant.
„Alle Männer wollen mit einer 10 ins Bett. Und genau das sind
Männer, die nie eine abkriegen werden! Denn du kannst dein ganzes Leben lang
auf eine 10 warten. Anstatt zu sagen: Ich gehe lieber mit einer 7 oder 8 ins
Bett. Diese Männer wollen nur irgendeine. Und weißt du wie sie das machen? Sie
gehen raus und auf die Suche – ohne Erwartungen.“
Zugegeben, das klang einleuchtend – und erklärte auch das
Klischee, warum Männer alles aufreißen, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist.
Wenigstens erfahre ich jetzt den Grund, warum.
„Geh nie mit Selbstzweifeln in die Sache. Wenn du schon denkst, es
wird schlecht, dann wird es auch schlecht! Mit so einer Einstellung ist Erfolg
unmöglich!“
Das Prinzip der Entschlossenheit. Aber es gibt unendlich viele
Sachen, die schieflaufen könnten. Zum Beispiel…
Als ob er es von meinem Gesicht abgelesen hat, fährt er fort:
„Aha, man hat also Angst. Davor, dass man abgelehnt wird. Richtig?“
Ich nicke. Er zündet sich seine zweite Zigarette an, inhaliert
tief und atmet aus. Der Wind weht den Rauch in meine Richtung. Irgendwie riecht
das im Moment angenehm.
„Gut. Dann verrate mir mal – was passiert mit dir, wenn du
abgelehnt wirst?“
Was ist das denn bitte für eine Frage? „Man ist traurig.“ Wobei
das ja noch etwas untertrieben ist.
„Wird dir die Hand abgehackt?“
Abstruse Frage. „Nein.“
„Werden deine Freunde umgebracht?“
„Nein.“
„Wirst du eingesperrt?“
„Nein!“
„Siehst du? Was hast du zu verlieren?“
Bevor ich im Gedanken die richtigen Wörter zusammenkratzen kann –
Verlust des Selbstwertgefühls, was teilweise echt gravierend sein kann –
schießt er bereits die nächste rhetorische Frage auf mich ab. „Und weißt du,
was schlimmer ist, als traurig zu sein?“
Ich bin es leid, ständig Nein antworten zu müssen, was mich wie
eine komplette Idiotin aussehen lässt, und warte seine Antwort ab.
„Bereuen.
Ich war nicht traurig darüber, als ich meine Exfreundin verlassen
habe. Kein bisschen. Bis heute nicht.
Was ich aber bis heute bereue, ist, dass ich sie als dumm
beschimpft habe. Obwohl sie es nicht war, im Gegenteil. Ich habe sie wegen einer
Kleinigkeit als dumm bezeichnet, und sie hat geschrien: ‚Ich bin nicht dumm!‘ Ich
habe mich deswegen nie entschuldigt. Und das bereue ich bis heute.“
Er zieht noch an seiner halb aufgerauchten Zigarette, dann lässt
er sie achtlos fallen. Sie rutscht die roten Dachziegel runter und verschwindet
dann in der Dachrinne.
„Zweifle nie an dir selbst und lass nie zu, dass andere dich
fertig machen! Nenn mir irgendwas, wofür dich die anderen ständig aufziehen.“
Ohne mich aus den Augen zu lassen, trinkt er an seinem Kaffee.
Da muss ich nicht lange überlegen. „Ich bin zu klein.“ Mit 1,66 m
in meinem Alter bin ich keinesfalls zu klein. Aber zwischen meinen Freunden
sehe ich, bis auf einigen Ausnahmen, wie eine Liliputanerin aus.
Er steckt sich bereits eine neue Zigarette an. „Du bist zu klein?
Okay. Zu klein für was?“
Die einfache Gegenfrage verblüfft mich. Noch mehr verblüfft mich,
dass ich keine vernünftige Antwort darauf finde.
„Siehst du? Wozu bist du zu klein? Mal abgesehen davon, dass du im
Supermarkt vielleicht nicht ans oberste Regal herankommst.“
Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört: Lass dich nie von anderen fertig machen. Das ist das erste Mal,
dass ich den Sinn des Satzes richtig begreife.
Er fährt fort: „Ein Typ hatte mich mal blöd angemacht. Ohne darauf
einzugehen, habe ich geantwortet: ‚Warum musst du dein Ego aus
Minderwertigkeitskomplexen bei anderen aufbauen, indem du sie fertig machst?‘
Er meinte, ich sollte mit dem ‚Psychogelaber‘ aufhören, und ist dann
abgehauen.“
Dass meine Bewunderung minütlich steigt, ist wohl noch
untertrieben. Was für ein Glück ich habe, dass ausgerechnet dieser Mann mein
Stiefcousin ist.
Plötzlich kommt der Bruch. Während er seine dritte Zigarette
innerhalb des dreistündigen Gesprächs raucht –mittlerweile ist es über Mitternacht
und stockduster –, erklärt mir, wie
genau beziehungsweise nach welchem Prinzip man Typen aufreißt. Erklärt mir
alles dreifach, bis ich es im Kopf habe. Gibt dazu Beispiele, die er erlebt hatte.
Kein Problem. Es ist relativ einfach.
"Okay, dann proben wir das mal."
"Wir proben das?" Ich reiße entgeistert die Augen auf.
Er trifft mich absolut unvorbereitet.
"Klar, warum nicht? Ich habe es dir doch gerade beigebracht. Ich
hoffe, du erinnerst dich dann noch an alles.“ Er wendet sich mir zu, mit einem
sympathischen Lächeln auf den Lippen und hält mir die Hand hin. "Hi, ich
bin Bach, und wer bist du?"
Ich versuche mich in die Situation hineinzuversetzen (ich hoffe,
dass ich irgendwie die Sache möglichst schlagfertig reißen kann), nehme seine
Hand und setze ein Lächeln auf. "Hey, ich heiße Anna."
"Anna. Und, was machst du hier so?", fragte er locker.
Ich starre ihn an und breche mit
meiner Hilflosigkeit aus dem Rollenspiel aus. Ich meine, wir stehen
auf einem 3 m²-Balkon und unterhalten uns über Psychotricks, wie man das andere
Geschlecht rumkriegt. "Wo sind wir denn?"
"Wir sind auf einer Party."
"Achso, okay. - Ich feier mit ein paar Freunden." Nicht
gerade die brillanteste Antwort, aber wenigstens habe ich vernünftig fünf
Wörter aneinandergereiht. Ein Fortschritt in Sachen Souveränität. (und
Mathebehinderung.)
"Wo sind denn deine Freunde?"
„Nicht hier.“ Eine schlechte Antwort, aber immerhin schlagfertig.
Er lässt allerdings nicht locker. „Wo denn?“
Nach fünf Sekunden Überlegen: "Okay, und was soll ich jetzt
darauf antworten?"
Ich kann förmlich sehen, wie er mir den Stempel Blöde Frage an die Stirn klatscht.
"Was trinken holen? Auf dem Klo?", schlägt er vor.
"Was trinken holen dann. – Moment mal, es sind doch nicht
alle auf dem Klo“, kommentiere ich argwöhnisch.
„Die wenigsten werden das hinterfragen, die meisten werden das
einfach so hinnehmen“, beruhigt er mich. Er grinst. „Ich hätte dann gesagt:
Alle?“ Er verschränkt die Arme. „Warum gehen Frauen immer zusammen aufs Klo?“
Überraschung. Ich hatte keine Antwort auf seine (mehr rhetorische)
Frage.
Scheint er auch langsam zu merken. „Du könntest sagen:
Frauengeheimnis.“
„Okay. Frauengeheimnis.“ I’m
feeling absolutly retarded.
Ein süffisantes Lächeln. „Und warum bist du dann hier?“
„Ich bin –nein.“ Ich verziehe den Mund. Ich bin nicht so wie die anderen Frauen, wollte ich sagen, aber ich
komme mir albern vor. Ich überlege mir fieberhaft was Neues.
„Was wolltest du denn sagen?“
Ich wiederhole meinen Satz.
„Der wäre gut gewesen.“
Scheiße. Ich bin zu ehrlich in solchen Sachen. Bisschen
Selbstwerbung.
„Und wie alt bist du?“, fährt er fort.
„Fünfzehn.“
„Was ist das denn für eine langweilige Antwort?“, schimpft er
lachend.
„Langweilig?“, wiederhole ich irritierend. Sollte ich etwa
antworten: Ich bin die Quadratwurzel aus
225 alt. (Hey, meine Mathebehinderung nimmt ab. Danke an den
Taschenrechner.)
„Du hättest sagen können: Ein Gentleman fragt nicht nach dem
Alter. – Gut, wobei ich dann gesagt hätte: Wo sind denn hier die Ladies?“ Bei
diesen Worten breitet er die Arme aus und schaut sich suchend um, und ich
lache; es sieht urkomisch aus.
Er schaut mich streng an. „Und was hättest du jetzt machen
müssen?“
Verdutzt schaue ich ihn an. Dann fällt der Groschen. „Achja. Punkt
Zwei, richtig?“
Er stimmt mir zu. „Richtig.“
Genug Einsicht. Den Teil hier lasse ich raus. Hallo? Ich will mir
meine neu erlernte Technik nicht verderben, indem ich sie hier verrate.
Aber er hat sie auf seinem eigenen Blog veröffentlich. 11.132
Wörter könnt ihr durchkauen, viel Spaß. Aber scrollt euch durch, lest es und
findet die Erleuchtung – sein Blog ist es wirklich wert, dass ihr mal paar
Stunden eures Lebens dafür sausen lässt. Zumal ich in nächster Zeit Bilder und
Zeichnungen dazusteuern werde :)
sehr schöner text :))
AntwortenLöschenich gucke mir seinen blog gerne an.
lieebe grüsse
http://noooemi.blogspot.de/