2011/12/12

Brief an die Zeit.

Liebe Zeit,

ich weiß echt nicht, was ich von dir halten soll. Um unser Verhältnis mal bitte ein für alle Mal aufzuklären.

Wann war das letzte Mal, dass ich mit dir gehen konnte? Ich erblicke immer nur deine Rückenansicht. Es kostet mich immense Kraft, dich aufzuhalten. Habe ich es mal tatsächlich geschafft, kann ich nur kurz von meinem Triumph kosten. Denn einen Wimpernschlag später bist du auch wieder auf und davon.

Ja, du bist ewig. Allerdings nicht in meinem Leben. Ich würde allzu gern Spuren meines Daseins bei dir hinterlassen. Bist ewig jung. Ich ändere mich, aber du bleibst. Kann ich dich nicht stoppen oder kurz innehalten lassen, wie in einem Film? Vor allem dann, wenn ich gerade glücklich bin?

Immer wieder nimmst du mir die Macht, selbst über mein Leben zu bestimmen! Ich brauche dich zum Freunde treffen, zum Lesen, zum Zocken, zum Lernen, zum Schlafen. Ich glaube, du weißt gar nicht, wie wichtig Schlaf für Menschen ist!


Vor allem zu diese Jahreszeit spielst du mir ständig was vor. Mein Kalender -ich wette er ist ein Komplize von dir- zeigt mir, dass es noch Monate bis Weihnachten und Jahresende sind. Plötzlich werden daraus Wochen. Dann Tage. Ich muss noch Weihnachtsgeschenke kaufen! Hetze durch die Stadt, warte an Schlangen, drängel mich durch den Weihnachtsmarkt. Neulich bin ich mit meiner besten Freundin deinem Bruder Stress begegnet. In Form einer Frau mit Handy, wild gestikulierend, einem krakeelenden Baby im Kinderwagen und einem zerrenden Hund an der Leine. Ich bin schnell vorbeigehastet, damit er mich nicht überfällt.

Mal ein paar Worte zu ihm. Immer überrascht er arme, hilflose Leute in dem Moment eiskalt, wo sie ohnehin schon überfordert sind. Facharbeit abgeben, Klausuren in Geschichte und Bio, Test in Französisch. Dann noch sämtliche andere Fristen, der Laptop gibt seinen Geist auf und verschwinden lässt er die Schlüssel auch noch!

Er ist schizophren, der Gute. Seine positive Seite befähigt einen, besondere Anforderungen zu überwältigen.
Aber seine negative Seite lässt einen körperlich und geistig belastend zurück. Kannst du mir als große Schwester von ihm sagen, warum ich nur seine negative Seite zu spüren bekomme?!

Aber nun zurück zu dir, liebe Zeit. Ich bin bereit, all deine Sticheleien zu vergessen und dir zu verzeihen. Ich bitte dich nur um eins: Sei nicht so hektisch, nimm ein gemächlicheres Tempo an! Denn du bist mir immer noch unersetzlich. Jede Sekunde von dir ist mir wichtig, ist mir wertvoll. Außerdem bist du das beste Heilmittel für alle Wunden. Vor allem für die im Herzen. Daher biete ich dir an: Lass uns das Kriegsbeil begraben und wieder beste Freunde werden, wie im Kindergarten, als mir deine Geschwindigkeit noch nicht so sonderlich auffiel.

In aller Liebe,
deine Anna

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