2013/04/25

Und der junge Mensch treibt, er treibt, er treibt es gerne zu weit

Meine Lehrerin schreibt eine Aufgabe an die Tafel und verlässt das Klassenzimmer. Allgemeines Stimmgewirr.  Ich starre hinaus in den Wald, bis mich irgendjemand am Rande des Blickfelds ablenkt. Er setzt sich auf die Fensterbank und folgt meinem Blick - der einzige Mensch, der aufgestanden ist, und das vom anderen Ende des Raumes -, öffnet das Fenster. Gewöhnlich will er mich damit reizen, und auch diesmal beiße ich an. "Was willst du hier?", frage ich unfreundlich.
Er schaut herunter. "Denkst du hier ist hoch genug zum Springen?", fragt er völlig ernsthaft, ohne mich anzuschauen.
Ich stehe auf, blicke ebenfalls aus dem Fenster. Drei, maximal vier Meter geht es nach unten. "Nein."
"Vom zweiten Stock vielleicht", witzelt jemand.
Ich schüttele den Kopf, die zusätzlichen zwei Meter nützen nichts. Bevor ich zu was ansetzen kann, kommt er mir zuvor: "Nein. Das ganze Schulgebäude ist nicht hoch genug, selbst auf dem Dach nicht."
Er weiß es. Und er hat recht. Wieso fragt er mich dann?
Ich reiche nach der Fensterklinke, um das Fenster zu schließen, als er mich mit eisernem Griff am Handgelenk packt. Mein Was...? bleibt mir in der Kehle stecken, und er umklammert mit seiner freien Hand mein anderes Handgelenk. Mit einem Ruck zieht er mich zu sich heran und flüstert mir ein einziges Wort ins Ohr: "Spring."
Danach lässt er mich ohne Aufforderung los, geht auf seinen Platz zurück und arbeitet wortlos an der Aufgabe.

Wenn wir in der Schule nicht immer unsere Masken aufhätten, die uns unantastbar und unnahbar machen. Vielleicht gibt es mehr Menschen, die verloren sind. Vielleicht ist er so jemand. Ungünstig, dass er jegliche Fragen sofort abblockt.
Blogaward steht noch aus, vielleicht eine gute Gelegenheit für ein bisschen Licht in die Verwirrung zu bringen.


5 Kommentare:

  1. Sowohl Kritik, als auch Komplimente oder sonst etwas, ist scheiße. Mit nichts davon kann ich umgehen. Und ich finde es so schrecklich, dass mich Kritik beim Autofahren so persönlich angreift. Es war meine 2. Fahrstunde. Vielleicht versteht er es einfach nicht, denn er macht ja nichts anderes als täglich rum zu fahren...
    Ich wünsche mir so sehr, dass ich da irgendwann mit klar komme. Ich fühle mich so schon schlecht genug. Und wenn dann jemand was zum Meckern hat, ists noch schlimmer.
    Danke für dein liebes Kommentar. <3

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  2. irgendwas hat dein text was mich schlucken lässt. irgendwas zwischen den zeilen brodelt in mir, vielleicht auch in dir. er ist großartig keine frage, doch dein klassenkamerad, den moment in meinen Leben lässt mich nachdenken.

    du bist großartig.

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  3. der text klingt unglaublich hart und macht mir irgendwie angst. ein unwohles gefühl bleibt zurück. wie hast du dich gefühlt? warst du nicht unglaublich traurig und verwirrt?
    ich will dir danken, für dein kommentar. du hast mir die tränen in die augen getrieben. und immer, wenn irgendwas ist, kannst du dich bei mir melden. einfach schreiben. email. facebook. was auch immer.
    danke.

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  4. Danke, auch wenn ich solch liebe Worte bestimmt nicht verdiene! Ich wünsche dir einen schönen wochenstart!

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  5. wow.. du schreibst so toll. Es tut mir wahnsinnig Leid, dass ich erst jetzt antworte.
    Du sollst nicht springen, niemals. Das würde ich dir sagen. Es gibt viele Menschen die so verloren sind, und das aus den verschiedensten Gründen.
    Doch ich glaube manchmal ist es besser, nicht alles zu wissen. Nicht das ganze Leid zu sehen, sondern es nur unsicher zu erahnen. Das ist leichter für die anderen und sich selbst.
    Freue mich schon auf den nächsten Post und werde versuchen mehr zu kommentieren.
    Auch wenn mich deine Texte traurig machen, dein Schreibstil ist unbeschreiblich gut.

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