2013/03/31

Jede Seele bestraft sich selbst am allerschlimmsten.

Mein Cousin steckt sich eine Zigarette an. "Wir haben gerade über dich geredet." Sein Blick ist lauernd, prüfend.
Allein an seinem Tonfall weiß ich das komplette Gespräch. Wer, was. Ich stelle mich dumm, um Zeit zu schinden. "Wer?"
"Deine Mama und ich." Ein Zwanzigjähriger, der sich selber als einer meiner wichtigsten Bezugspersonen sieht. Und eine Person, die meine wichtigste Bezugsperson sein sollte. Und die Tatsachen, die mich es nicht akzeptieren lassen.
"Lass mich raten." Sarkasmus mischt sich unbemerkt unter meine Stimme. "Ihr habt darüber geredet, dass ich vor kurzer Zeit für ein paar Stunden ausgerissen bin und eine böse, unkontrollierbare Tochter bin, die nicht auf die Mutter hört und ihr ständig widerspricht?" Ich speie alles aus, mit leiser Verachtung, obwohl er sicherlich nicht zu den Personen gehört, die Schuld daran tragen.
Er zieht ganz gefasst und lässt sich Zeit. "Auch", gibt er nach einer kleinen Weile zu. Schnippt Asche weg. "Weißt du, ich verstehe dich vollkommen. Aber ich verstehe auch, warum deine Mutter so denkt. Das kommt mit der Zeit. Und was du gerade durchmachst, ist völlig normal. Wirklich. Eigentlich gar nichts. Ich war viel schlimmer..." - er hebt grinsend seine Zigarette - "und du wirst auch nach und nach mehr verstehen..."
Bei diesen Worten hat er bei mir verloren. Ich durchwühle meine Tasche und werfe ihm meine Schachtel zu.
Er fängt sie ungeschickt, aber sie trudelt nicht zu Boden. "John Player", liest er laut. Dann schaut er mich mit einem süffisanten Lächeln an. "Du rauchst?" Er lacht und lässt die Schachtel zurücksegeln. "Im Ernst?"
Ich fange sie auf, halte sie wortlos in die Höhe und verstaue sie wieder.
Er lacht immer noch. "Du kleine Rebellin, du." Seine Gesichtszüge werden weicher. "Aber im Gründe bist du wirklich lieb."

Nein, mein Lieber, ich glaube nicht, dass du schlimmer warst als ich. Dass du rauchst und vermutlich auch kiffst, offensichtlich. Aber du hast nicht das zwanghafte Gefühl, dünner werden zu müssen und dass dieses Gefühl dich überwältigt. Dass du manchmal Tabletten nimmst, die man nicht nehmen muss. Dass du Einwegrasierer auseinanderbaust, um die Klinge herauszunehmen.
Und dieses einzige Empfinden, dass du eine absolute Katastrophe für Eltern und Freunde darstellst.

Vielen lieben Dank für Eure Worte und Kommentare, sie bedeuten mir sehr viel. Sobald ich wieder in Reichweite eines Laptops komme, beantworte ich sie.

5 Kommentare:

  1. Du bist ein Goldmädchen, weißt du das? ich kann das gar nicht beschreiben, was du mir mit deinen kommentaren schenkst. ich verpacke deine worte tief in meinen herzen, und schenke dir das was du von herzen brauchst, was auch immer es ist, ich möchte es dir geben.

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  2. Das war doch das geringste, was ich tun konnte, ich wünschte, ich könnte dir helfen und nicht nur kommentieren...
    Ich danke dir für deine Antwort!
    Das stimmt, Pastellkreide staubt ganz schön, aber eigentlich kann man sie von glatten Oberflächen gut entfernen... Ich weiß ja nicht, was es bei dir war, aber ich finde, wenn jemand malt, dann sollte man ihn nicht anschreien, wenn mal was dreckig wird.
    Was ist schon eine schmutzige Tischdecke gegen ein Bild, in das jemand seine Emotionen gesteckt hat?
    Ich finde, nichts.
    Ich bin froh, dass er dir nichts getan hat. Die nächsten Ausbrüche? Ich wünschte mir, es würde keine Weiteren geben, aber ich kenne sowas von Freundinnen... Ich habe Angst davor, auch wenn ich dich nicht kenne. Es ist einfach nur schrecklich.
    Lieben Dank für das Kompliment, dein Schreibstil ist auch wundervoll!
    Ja, Schule ist blöd, aber ich werde die letzten 2 Jahre, die ab dem Sommer beginnen wohl durchhalten müssen...
    Das hoffe ich auch, aber leider befindet er sich in meinem Freundeskreis und daher wird er mir wohl oder übel über den Weg laufen... Ich bin aber zuversichtlich, dass ich ihn ignorieren kann. Zumindest hoffe ich, dass ich stark genug bin.
    Ich habe versucht, mich nicht von ihm abhängig machen zu lassen, es war aber schwieriger als ich dachte. (Vor allem, weil ich ja so verliebt in ihn war.)

    Du bist sicher keine Katastrophe für deine Freunde, sie haben deine Nähe freiwillig gesucht! Und Eltern kann man sich nicht aussuchen, ich glaube, sie verstehen Jugendliche nicht. Mit meinen gibt es auch oft Probleme, wenn auch nicht so schlimm wie bei dir. Sie können einfach nicht nachvollziehen, wie wir denken.
    Lass dieses Gefühl bitte nicht mehr zu...

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  3. Du schreibst wirklich schön, wenn auch über meist schlimme Ereignisse.
    Nun ja, ich gebe mich mal als stiller Mitleser bzw. -leider (seltsames Wort o:) bekannt und verleihe dir einen Blogaward.

    Liebste Grüße und mehr Glück auf deinem Weg.

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  4. die letzten paar sätze passen perfekt zu mir
    eigentlich mag ich keine blogs mit langen texten, aber deinen lieb ich

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  5. Dankeschön ;) Gegen sich selbst zu kämpfen ist die größte Herausforderung überhaupt und wahrscheinlich auch eine der schwersten.

    Und vielen Dank für den Blogaward!

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