2013/01/12

Nun anstelle von Kuscheln sinnloses Grenzengepusche

Morgens reden wir so gut wie nie. Obwohl wir uns sehen, aneinander vorbeigehen. Das erste Ansprechen kommt immer von dir.
Ich habe mal öfters die Zeit genommen. Nach dem ersten Wort, was wir miteinander gewechselt haben, war vier Stunden sechsunddreißig die längste Zeitspanne, die wir ohne Streit ausgehalten haben.
Manchmal denke ich mir Warum willst du ein Gespräch anfangen? Sind wir so erfahrungsresistent? Wir wissen beide, dass es in einer Meinungsverschiedenheit ausartet, wir uns ankeifen. Kritik, verpackt in Belehrungen. Anfeindungen, die in Wirklichkeit Beschuldigungen sind. Jeder beharrt darauf, selbst im Recht zu sein. Lärm wird zur Normalität, Stimmen heiser, Stille ungewöhnlicher. Das Klima ist für den Rest des Tages vergiftet, Anschweigen unsere einzige Kommunikation. Wenn wir dazu gezwungen werden, miteinander zu reden, schwingt ein Trotz in den Sätzen mit, ein unterschwelliger Vorwurf, einer verliert die Nerven und das Feuer bricht erneut aus.
Immer dasselbe. Jeden Tag aufs Neue. Das ganze Jahr lang.
Weißt du, was du in der Blindheit des Zorns übersiehst, Mama? Dass ich merke, dass du mir Chancen geben willst, die dir selbst verwehrt blieben. Dass ich dankbar bin für das, was du für mich tust. Dass du nur noch lebst, damit ich leben kann. Und dass ich dich liebe, auch wenn mein Verhalten ein Paradoxon ist.
Aber wir können nicht zuhören, leben hinter Mauern der Sturheit, sind krank vor Wut, und daran wird auch alles scheitern.

Für J. Und für Mama, natürlich.

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